Dieses sind Themen, die im gesamten zusammenwachsenden
Europa mit seinen verschiedenen Gesundheits- und
Ausbildungssystemen aktuell geworden sind.
Nicht nur aus finanziellen sondern auch aus medizinischen und
standespolitischen Gründen.
Veränderungen der Gesellschaftsstrukturen, Vermischen derselben,
Veränderung von Familienstrukturen, Schädigung durch Umwelt und
Arbeitseinflüsse, neue Diagnostik und Wandel der Lebenserwartung mit
entsprechend veränderter Morbidität und differierende Gesichtspunkte
seitens der Versicherungsträger führen unaufhaltsam zur Konfrontationeb
an sensiblen Schnittpunkten innerhalb und zwischen den Systemen.
An einem dieser "Schnittpunkte" steht die AM! Diese
Situation erschwert das Finden einer eigenen Identität, besonders für
JungmedizinerInnen!
Die WHO hat schon vor einigen Jahren versucht, eine theoretische
Bescheibung des Faches AM zu geben:
"Lebensbegleitende hausärztliche Betreuung von Menschen jeden
Alters bei jeder Art von Gesundheitsstörung, unter Berücksichtigung der
biologischen, psychischen und sozialen Dimension ihrer
gesundheitlichen Leiden, Probleme und Gefährdungen.
Medizinische Kompetenz zur Entscheidung über das Hinzuziehen
anderer Ärzte und Angehöriger von Fachberufen im Gesundheitswesen. AM
umfasst die patientenzentrierte Integration der medizinischen, psychischen
und sozialen Hilfen im Krankheitsfall, auch unter Berücksichtigung der
Wirtschaftlichkeit"
Soviel zur WHO - Definition - wir alle wissen, dass sie weit weg von
der praktiscen Realität ist.
Zur Bildung von Identität braucht es Bezugspunkte, Profile, Lehre.
Ein Blick zurück in die Vergangenheit ist oft gut, um
Gegenwart und mögliche Zukunft besser verstehen zu können und kann
erklären, warum diese WHO - Definition zumindest in Österreich, in
Tirol, nicht praktisch umgesetzt zu sein scheint:
Ein Blick auf die Lehre:
Aus der Gesamtmedizin, der "Muttermedizin", kam es in den
letzten Jahrzehnten mit der wachsenden Spezialisierung und der damit
verbundenen Abspaltung von Tochter und Tochter-Tochterfächern zu
spektakulären Fortschriten in der Entwcklung der sogenannten modernen
Medizin. Diese Fortschritte wurden durch harte Arbeit vieler WissenschafterInnen
- meist FachärztenInnen, ermöglicht. Sie wären ohne Unterstützung
durch universitäre Strukturen, ohne Lehre, Wissenschaft und Forschung,
ohne Förderung durch Politik und Wirtschaftsinteressen undenkbar
gewesen.
Die Fortschritte finden sich hauptsächlich in der Facharztmedizin
wieder, der AM werden sogar Schranken und Beschränkungen auferegt, diese
Fortschritte für ihre Patienten zu nutzen.
In den letzten Jahrzehnten kam es gleichzeitig mit der
rasanten Entwicklung der Fachmedizin zur Vernachlässigung der
Basismedizin, der hausärztlichen Allgemeinmedizin, der
Primärmedizin. Immerhin jene Medizin, an welche sich 80 % der
Bevölkerung, die kompetente Medizin sucht, wenden. Es kam so weit - und
damit sind wir schon wieder in der Gegenwart - dass nicht mehr jene, die
Allgemeinmedizin leben und tagtäglich ausüben, die Lehre für das
Allgemeine in der Mesizin übernahmen, sondern jene vorher beschriebenen
Spezialisten von Subdisziplinen mit universitärer Verankerung.
Keineswegs ausgerichtet auf die späteren Bedürfnisse und
Notwendigkeiten in der AM, sondern gelehrt mittels
Aneinanderreihung von Spezialfächern ohne integrative
Bemühung, gelehrt an Patienten, die in der extramuralen Medizin, in
der Primärversorgung, nicht oder kaum geführt werden konnten.
Man kann somit explizit feststellen, dass AllgemeinmedizinerInnen ihre
Ausbildung von berufsfremden Fachkollegen am falschen Patientengut und
unter falschen Voraussetzungen erhielt und erhält.
Denn was für AM wichtig ist, nämlich longitudinale Menschen- und
Patientenführung unter Berücksichtigung sämtlicher somato - psycho -
sozialer - arbeits- und umweltrelevanter Zusammenhänge, unter
Berücksichtigung familiärer Aspekte und persönlicher Wünsche und
Ängste, ist für die FA - Medizin weniger wichtig.
Was in der AM gut ist, muss es in der FA - Medizin noch lange nicht
sein! Und umgekehrt.
Dadurch kam es zu einem qualitativen und quantitativen Defizit in der
Ausbildung zur AM. Nie würde es z.B. einem Internisten einfallen,
einen Chirurgen auszubilden und dessen Ausbildung zeitlich zu beschränken
und mit qualitativen Vorgaben zu belegen! Oder umgekehrt. In der Am
aber ist das aber so.
Hätten wir uns nicht selber postpromotional und nach Beendigung
unserer Turnusausbildung fachspezifisch fortgebildet, dann gäbe es in der
praktischen Umsetzbarkeit unseres Wissens ein großes Problem!
Erfahrungsgemäß und Dank unseres Einsatzes erfüllt die AM trotzdem
ihren Auftrag in bester Weise und zur vollen Zufriedenheit der Patienten.
Wir sind stolz auf das von uns Erreichte!
Woran liegt das?
Viele von Ihnen kennen die Zugangswege
zum Gesundheitswesen in Österreich:
50% der Gesundheits- und Befindlichkeitsstörungen wenden sich an die
sg. Laienmedizin.
50% an die sg. kompetente Medizin.
80% davon wenden sich direkt an die AM,
15% an die FA-Medizin,
3% direkt an Krankenhäuser und
2% an Universitätskliniken und ihre Ambulanzen.
Betrachtet man die Macht- und Finanzstrukturen des Gesundheitssystems,
so ist das Verhältnis dort gerade umgekehrt!
Ein Blick auf die Forschung:
Die meisten Geldmittel fliesen an forschende Institute und
Lehrstühle, wohin die AM in Österreich derzeit noch nicht gezählt
wird!
Dabei kann gerade AM sehr viel zur Forschung beitragen!
Immer breiter klafft die Kuft zwischen Forschungsergebnissen
der Subdisziplinen und der Umsetzbarkeit der Resultate in
das tägliche Leben, immer mehr werden Studien massgeschneidert
erstellt und sind am multimorbiden Patienten nicht mehr
anwendbar. Zur Lösung dieses weltweiten und immer schlimmer
werdenden Problems kann Allgemeinmedizin nicht nur dabei
partnerschaftlich beitragen sondern ist dafür geradezu
positioniert!
Sogar die Politik hat die Effektivität und Vorteile der AM
erkannt, obwohl hier wohl eher wirtschaftliche Interessen im Vordergrund
stehen mögen.
Durch die Einbeziehung der AM in die Lehre des neuen Curriculums hat
die akademische Integration des Faches AM auch in Innsbruck
begonnen. Die meiset von Ihnen werden
wissen, dass Vertreter der AM aus der TGAM seit nunmehr
fast 2 Jahren AM - Pflichtvorlesungen wahrnehmen und StudentenInnen gelernte
Wissensinhalte aus den theoretischen Fächern durch allgemeinmedizinische
Falldemonstrationen nahebringen.
AM will aber nicht in der Lehre stehen bleiben
sondern durch eigene Forschung gleichberechtigt Ansprechpartner
sein um gemeinsam mit anderen Disziplinen zur Erhaltung der
Gesundheit und Verbesserung ihrer Voraussetzungen bei zu
tragen.
AM will Brücken zu schlagen zwischen Lehr- und Lernstoff,
zwischen Theorie und praktischer Umsetzung in klinische Kompetenz.
Das Allgemeine in der Medizin geht Alle an! Das
Spezielle in der AM ist Fachkompetenz!
Allerdings fehlt der AM in Innsbruck für ein akademisches Fach
die strukturelle Voraussetzung, es fehlt der Lehrstuhl für
Allgemeinmedizin.
Lehre und Forschung an intramural untergebrachten Patienten, welche
extramural nicht mehr geführt werden konnten, entspricht nicht mehr dem
Leistungsprofil einer modernen Universität. Sie
entspricht in keinem Fall dem späteren Anforderungsprofil an
die AM.
Bildlicher ausgedrückt ist verständlich, dass z.B.
Onkologen im Klinikbetrieb Lymphknotenschwellungen mit anderen
Epidemiologien und Verdachtsdiagnosen verknüpfen als Hausärzte.
Allgemeinmedizin hat andere Vortestwahrscheinlichkeiten, andere
Treffgenauigkeiten fund andere Häufigkeiten für Krankheiten und
Therapien.
So genannte offene Diagnosen sind für die AM Realität, so wie
auch effektive Kommunikation mit Patienten unter Einbeziehung von
evidence based medicine, longitudinaler und Deshalb darf auch
die Therapie in der AM anders als in der FA-Medizin sein,
ohne geringgeschätzt werden zu müssen.
Durch ihre longitudinale Betreuung hat die AM schon längst die
Notwendigkeit des Einbeziehens von Patienten-Familienperspektiven, deren
Wünsche und Erwartungen erkannt. Diese Problematik samt der
Problematik der Compliance wäre z.B. ein fruchtbares Forschungsgebiet in
der AM!
Zur Umsetzung der von WHO und Akkreditierungsinstituten
geforderten und von uns in ihren theoretischen Grundlagen
angenommenen und gelebten Kompetenz ist es unumgänglich
notwendig, Lehrstuhlprofile und Forschungsprofile auch an der
Universität Innsbruck zu ändern!
AM wird international als so wichtig angesehen, dass
Universitäten wie z.B. in den USA, Kanada, Belgien und in den
Niederlanden ihre Akkreditierung als Universität verlieren würden,
würden sie nicht den Lehrstoff durch extramurale Einrichtungen und
Erfahrungen aus der Primärmedizin ergänzen!
Dort ist AM als Institut, als Lehrstuhl fest verankert!
Aus diesen Aspekten der Lehre und Forschung erklärt sich unser AM
- Identitätsprofil. Wir wollen und dürfen nicht mehr länger
hinnehmen, als das letzte Rad im Gesundheitswesen oder an der
Universität angesehen zu werden. Mit gleichwertiger Ausbildung und
gleichen Chancen werden beteiligte Gruppen besser und respektvoller
miteinander umgehen!
Wie sonst kommt es dass man von FachkollegenInnen hört, dieses und
jenes verstünde die AM nicht? Würde das jedes Fach von sich behaupten
wäre AM maximal abgewertet!
AM ist bereit und praktiziert dies schon lange und mit
einiger Vorarbeit - Qualität eigenverantwortlich zu kreieren, zu
kontrollieren. Wir sind bereit, unser Wissen in Forschung einzubringen.
Wir sind bereit, den Behandlungsauftrag der WHO weiter wahrzunehmen und zu
vertiefen. Wir sind bereit, den Betreuungsauftrag der WHO
weiter wahrzunehmen und zu vertiefen. Wir sind auch bereit, uns
partnerschaftlich und mit unserem Expertenwissen und
unserem Patientengut in Forschung - Lehre - und Wissenschaft
einzubringen, um so gemeinsam Wesentliches für Prävention und
Therapie beitragen zu können und Spitzenleistungen in der Forschung
vermehrt zur Umsetzung zu bringen.
Es geht nicht nur um die Überbrückung der Kluft
zwischen moderner biomedizinischer Forschung und klinischer Realität
sondern auch um eigenständige Forschung im Fach
AM. Auch diese hat ihre Besonderheiten und ist mitverantwortlich
für Qualität und Reproduzierbarkeit unserer Handlungen!
AM kann selber forschen und muss nicht von außen, von Fremden
beforscht werden!
Wiederum vereinfachend könnte man feststellen:
man kann Tierbiologie nicht im Zoo studieren, weil dort
gerade alle Tiere versammelt sind. Man wird im Zoo bei einem
muhenden Vieh mit Hörnern am ehesten an einen Büffel denken, in freier
Wildbahn in Tirol wird es aber eher eine Kuh sein, in der Großstadt
eher eine Puppe. Man kann muhendes, gehörntes Vieh nicht einfach wie
Büffel beforschen oder behandeln!
Was wir AM uns bisher unter hartem Einsatz und
oft behindert von außen erarbeitet haben, sollte durch
die Schaffung struktureller Voraussetzungen eines Lehrstuhles für
Allgemeinmedizin erleichtert, unterstützt und reproduzierbar werden! In
ihm sollen künftig AMInnen ihre Identität suchen und finden, sich an ihm
messen.
Experten für AM sind wir und werden immer diejenigen sein, die
auf dem Boden der Realität am besten psychosomatosoziale Zusammenhänge
wahrnehmen und in unsere longitudinale Patientenbegleitung einbinden.
Wir wollen durch unsere Arbeit, unsere eigene und integrative Forschung
und Lehre auch als akademische Partner und Experten anerkannt und als
solche behandelt werden.
Wir ersuchen die Verantwortlichen um Kommunikation und Kooperation und
darum, AM als gleichberechtigte Partner zu verstehen und ihrem
akademischen Drang freien Lauf zu gewähren!
Allgemeinmedizin hat einen hohen Auftrag, eine hohe Kompetenz und eine
eigene Identität. Sie muss sich an sich selber orientieren!
Dr. Peter Kufner