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Redaktion 3. Ausgabe: Christoph Fischer,
Bachler Herbert
43 jährige Patientin,
kinderlos, wohnt seit 4 Jahren in einer 5000 Einwohner großen Gemeinde;
ihr Mann ist Bürgermeister und bereits seine Eltern lebten in dieser
Gemeinde; die Frau kommt zum ersten Mal zum im Dorf praktizierenden
Allgemeinmediziner im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung.
Anamnese: 1994
Erstdiagnose einer PcP, für drei Jahre Cortisontherapie und damals eine
Gewichtszunahme von 14 Kilogramm (damals 72 kg KG) bei 173 cm KG.
Seit 1996 intensive
Beschäftigung mit der Erkrankung und Ernährungsfaktoren und seit 1997
gravierende Ernährungsumstellung der Patientin auf streng vegetarische
Kost. Ebenso seither drastische Zuckerreduktion und vollkommene
Abstinenz von Alkohol. Seit 2002 vermehrte Darmprobleme und aufgrund
einer „Darmträgheit“ Intensivierung der sportlichen Betätigung auf
bis zu 5x/Woche Ausdauersport wie Schitouren, Mountainbiking, ... Die
PcP ist derzeit nicht aktiv.
2002 wurde auch eine
Lactose- und Fructoseunverträglichkeit festgestellt, die zu einer
weiteren Modifizierung der Ernährung führte.
2003 wurde ein 1 cm
großes lokal begrenztes MammaCa entdeckt und operativ brusterhaltend
entfernt. PCTH plus lokale Bestrahlung wurde durchgeführt. Derzeit kein
Rezidiv.
Seither befindet sich die
Patientin im Krankenstand, Grundberuf Lehrerin.
Sie wirkt auf den
behandelnden Arzt zerbrechlich und stark gleichzeitig.
Derzeit keine Medikamente,
jedoch zahlreiche Vitaminpräparate, Schüsslersalze, Basenpulver,....
Zur Gesundenuntersuchung
geht sie, da sie von einer Freundin auch ihr „blasses Äußeres“
angesprochen wurde.
Erhobene Befunde: 48 kg
KG, RR 95/55, P55, Hb 12.0 g/dl, Fe 61ug/dl, TSH 4,59 mU/l, RF 2,0 U/ml,
CRP 0,2 mg/dl, L 9,8 G/l;
Dadurch, dass es keine
eindeutig pathologischen Befunde ergab fühlt sich die Patientin
bestärkt in ihrem tun.
Angesprochen auf ihr „einseitiges“Ernährungsverhalten
und ihr sehr ausgeprägtes sportliche Verhalten durch den Arzt wehrt sie
deutlich ab. Auch auf das Thema Lust und eigene Befindlichkeit erklärt
sie nur die Notwendigkeit ihres Tuns, eigene Bedürfnisse sind für sie
nicht wirklich formulierbar. Sie sei „glücklich.“
Welche
differenzialdiagnostischen Überlegungen stellen Sie? Welche
anamnestischen und physikalischen Befunde erheben Sie noch, um die
differenzialdiagnostischen Überlegungen zu untermauern und eine
weiteres mögliches Vorgehen zu zu erarbeiten.
Antworten:
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Christoph Fischer ,
Praktiker Sistrans:
1.) Gewichtszunahme unter
Cortison
Unter Cortisontherapie
wegen PCP kam es bei der offenbar mit ca 58kg normalgewichtigen Patn.
innerhalb von 3 Jahren zu einer beträchtlichen Gewichtszunahme auf 74
Kg.
Der Einfluß des Cortisons
auf Gewichtszunahmen wird vielfach berichtet, und könnte einer der
Schlüssel zu dem Phänomen der Zunahme der Adipositas in den
Industriestaaten sein: Fernsehkonsum - Cortisolausschüttung bei Action
und Herz-Schmerzfilmen - Gewichtszunahme aber auch Rückgang des
Übergewichtes bei kontrollierter Reduktion des Fernsehens sind belegt (U.Pollmer,
Gunter Frank, Susanne Warmuth: Exikon der populären Fitness-Irrtümer
Eichbornverlag 2003 S.121 ff )
Eine PCP ist wohl eine
Indikation für systemische Cortisonbehandlung, die 3-jährige
Anwendung scheint mir aber sehr lang,ich würde Cortison nur die ersten
6 Wochen bis zum Ansprechen der Basistherapiegeben. Hat die Einleitung
einen Basistherapie erst spät begonnen, oder war sie wirkungslos?
2.) 48kg ist
beträchtliches Untergewicht!
Hinter striktem
Vegetarismus und intensivem Sport verbirgt sich in der Regel eine
Essstörung ( "Anorexia athletica") .Die internationale
Klassifikation psychischer Störungen (ICD 10) definiert
"übertriebene körperliche Aktivität" zur Herbeiführung des
Gewichtsverlustes als Kennzeichen der Magersucht. (U.Pollmer, Gunter
Frank, Susanne Warmuth: Exikon der populären Fitness-Irrtümer
Eichbornverlag 2003 S. 19 ff )
Der Verdacht auf eine
psychische Ursache des Bewegungs und Essverhaltens wird durch mehrere
biographische Details geweckt. Da sich Patienten bei einer Essstörung
in eine Abhängigkeit begeben, die nichts anderes als eine
Endorphin-Sucht ist, sind Ratschläge zur Änderung des Lebensstils
ähnlich schwer durchzusetzen wie Nikotin oder Alkohol oder
Suchtgift-Abstinenz.
Andererseits gibt es bei
der Patientin aber auch Hinweise, daß der Darm auch organisch erkrankt
oder "geschädigt" ist. Laktose und Fruktoseintoleranz sind
nur zum Teil genetisch bedingte Enzym-Mängel, chronische Entzündungen
werden ebenfalls als Ursachen angesehen.
Hier könnte der strikte
Vegetarismus eine Erklärung liefern: Phytin führt zu Darmreizung, es
hat Jahrtausende gedauert, bis die Jäger und Sammler Techniken zum
Mahlen des Kornes zu Mehl entwickeln konnten.
3.) Vitamine sind bei
Tumorleiden kontraindiziert!!!
Es war mehrfach
aufgefallen, daß Tumorpatienten erniedrigte Vitaminspiegel insbesundere
im Bereich Beta-Carotin und Vitamin E haben. Die Idee war naheliegend
diese Risikopatienten oder vielleicht jedermann durch vorbeugende Gabe
von Vitaminen vor Krebs und wenn schon dann auch gleich noch vor
Gefäßkrankheiten zu schützen. Die Ergebnisse der Interventionsstudien
führten aber ganz im Gegenteil zu einem eindeutigen Anstieg der
Tumorleiden.
Beta-Carotene and Retinol
Efficcacy Trial (CARET) Population: 18 000 langjärige Raucher und
Asbestarbeiter; Intervention: Beta-Carotin + Retinol; Ergebnis: 28%
Anstieg an Lungenkrebs, 17% an Todesfällen, Status: nach 6 Jahren
21 Monate früher abgebrochen, Negative Resultate auch in
Physicians`Healt Studa . ( Ernährungs-Umschau 43 (1996) Heft
4.)
Schilddrüsenunterfunktion
Eine Abklärung und
Behandlung würde sich auf die Psyche der Frau sicher positiv auswirken.
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O.Univ.-Prof.Dr.W. Biebl
mir fällt dazu folgendes
ein: hat die Patientin die Regel, da der BMI nur 16 ist? Damit ist die
Pat. im anorektischen Bereich. Die Anamnese zeigt eine klassische
Entwicklung einer Orthorexie, wobei es, vor lauter Sport und
"gesund" essen zu wollen, zur Entwicklung einer Magersucht
kam.
Folgerungen: Bestimmen von
LH- und FSH-Wert, Knochendichte Messung und Leber-Werte. Die Hypotonie
und die Bradycardie passen zur Anorexia.
Für mich ist diese Fall
Vignette ein gelungenes Beispiel zu zeigen , dass auch im
Erwachsenenalter an eine EssStörung gedacht werden sollte.
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O.Univ.-Prof.Dr.G.Schüßler
Folgende Überlegungen und
Kommentare:
Die Patientin ist derzeit
eindeutig untergewichtig, es liegt ein BMI von 16 vor. Dies bedeutet,
dass - in Anbetracht keiner ursächlichen körperlichen Erkrankung - die
Diagnose einer Essstörung gestellt werden kann. Es bedarf weiterer
Befunderhebung (in welchen Ausmaß und wie isst zur Zeit diePatientin)
und einer Vertiefung der Ernährungsanamnese. Da bisher unklar ist, ob
die Patientin rein restriktiv die Nahrungsmittel einschränkt oder auch
(wie häufig) durch Erbrechen oder Abführmittel die Nahrungsmitte
beseitigt, sollte dies ebenfalls geklärt werden. Bei länger
bestehenden Essstörungen ist es notwendig die
gynäkologisch-endokrinologischen Befunde, die Frage der Knochendichte
und des Zahnstatus ebenfalls medizinisch zu überprüfen. Therapeutisch
wird das Hauptproblem in der fehlenden Krankheitseinsicht der Patientin
liegen.
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Essstörungen –
Ursachen Teil 1:
1.1.
Adipositas
primär somatische
Ursachen:
1% hormonelle Störungen
(Schilddrüse, sexualhormone, Nebennierenrindenhormone)
25% genetische Faktoren
(Risiko für Kinder: 1 Elternteil adipös 40%, beide adipös 80%), spez.
Mutationen (Leptingen, Melanokortin-4-Rezeptorgen), Prader Willi,
Bardet-Biedl, Cohen, Alström, Albright, Klinefelder Syndrom
30% kulturelle Ursachen,
44% Lebensumstände (Energiebilanz, ...)
- psychische Faktoren: keine
spezifische Persönlichkeit, Umgang mit Empfindungen,
Ersatzbefriedigung; Überprotektiv, Ablehnend vernachlässigend;
Sekundärbelastungen
Gedanken zur Ernährung
aus Pollmers „Prost Mahlzeit“
Totalverbote lösen
Heißhunger aus.
Ans Essen denken. Diäten
sind ein Boykott von Lust und Appetit. Diäten sind und bleiben Essen
mit Frust.
Nur jeder Zehnte
entspricht den nationalen Normen.
Aus dem Körpergewicht
eines Menschen kann man nur eingeschränkt auf seine Lebenserwartung
Rückschlüsse ableiten. Wer ständig Diäten macht, stirbt früher. (Biesalski,
Z. Ernährungswiss. 1989/28)
Je stärker das Signal
Hunger, desto größer wurde der Antrieb, sich etwas Essbares zu
beschaffen. Und je mehr Fettreserven während der Nahrungskrise
verbraucht wurden, desto stärker versuchte der Körper, sich für die
nächste Hungerperiode zu wappnen. Dies gelingt ihm, indem er seinen
Energieverbrauch herunterschraubt und andererseits die Nahrung
intensiver ausnutzt.
Minnesota Experiment:
Thema Essen, Konzentrationsstörungen, sexuelles Interesse sank,
Depression, Stimmungsschwankungen stärker – 25 Langzeitstudien
zeigten, dass die Sterblichkeit durchs Abnehmen zunimmt. (Herz- und
Hirninfarkte)
Weiters: Bluthochdruck,
Diabetes, Herzinfarkt, Gallesteine, Östrogenproduktion erniedrigt –
Osteoporose
Diät führt häufig dazu,
dass auch nachher Essanfälle, Heißhunger, fehlende Sättigung und das
Thema Essen noch übermäßig präsent sind.
Essen führt über
opiatwirksame Stoffe und Erhöhung von Serotonin zu
Stimmungsverbesserung. Diät- Endorphinausschüttung.
Jeder hat sein „Normalgewicht“,
dass sich nur nach oben verstellen lässt.
Süßstoff führt häufig
zu einem Mehrverbrauch von Zucker und damit zu einer Gewichtszunahme.
(Mastmittel)
Kohlehydratarme Diäten
führen vermehrt zu depressiven Stimmungen.
Ernährungsberatung versus
vernünftige Lebensmittel.
1.2.
Orthorexia nervosa
Der Begriff "Orthorexia nervosa" wurde im Jahr 1997 von dem
amerikanischen Mediziner Steven Bratman eingeführt, abgeleitet von
griechisch ortho = richtig, orexis = Appetit. Er bezeichnet damit eine
"übersteigerte Fixierung auf scheinbar "gesunde"
Nahrungsmittel. Es wird im Leben der Betroffenen dem Essen ein
unangemessen hoher Stellenwert eingeräumt, insbesondere steht die
Beschäftigung mit "gesundem" Essen und die krankhafte Sorge
darum im Vordergrund. Die Orthorexie kann sich entwickeln aus harmlosen
Initiativen zur Änderung von Lebens- und Essgewohnheiten, um z. B. dem
Wunsch einer Gewichtsreduktion (cave: jatrogene Initiierung) oder einer
gesünderen Ernährung zur Vorbeugung vor Krankheiten nachzukommen.
Anfällig für eine zunehmenden Fixierung auf gesunde Lebensmittel seien
vor allem Mädchen und Frauen aus höheren Bildungsschichten sowie
Patienten mit somatoformen Störungen. Sie beginnen, die Mahlzeit nicht
mehr als Ganzes zu sehen und zu genießen, sondern berechnen den
Nährstoffgehalt der einzelnen Lebensmittel und schätzen mögliche
Nachteile, die beim Verzehr eines solchen Lebensmittels entstehen
könnten, ab. Damit tritt der Genuss beim Essen immer mehr in den
Hintergrund.
siehe auch: www.eufic.org/de/food/pag/food42/food421.htm
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